Knochenhecht

Im Jahr 1995 spendete eine alte Dame der Geowissenschaftlichen Sammlung einen 120 Millionen Jahre alten Fisch. Sie hatte mit ihrem Mann viele Jahre in Südamerika gelebt und das Fossil als Erinnerungsstück an Brasilien in Ehren gehalten. Dieser Fisch lag etliche Jahre als Hai bestimmt in der Schublade eines Sammlungsschrankes bevor er sich als seltener Knochenhecht entpuppte. Bei Vorbereitungen für eine Ausstellung im Jahr 2001 erkannte der Leiter dann die wahre Identität.

Obaichthys decoratus (Wenz & Brito, 1992) GSUB V2251

In geologischen Sammlungen auf der ganzen Welt liegen Fischfossilien aus Brasilien, die meisten Arten sind deshalb bereits seit dem letzten oder gar vorletzten Jahrhundert nachgewiesen. Erst seit 1992 sind jedoch Fossilfunde von Knochenhechten bekannt. Diese sind sehr selten und von Wissenschaftlern heiß begehrt. Jeder neue Fossilfund liefert wichtige Hinweise zur Evolution dieser Fische, die als „lebende Fossilien“ gelten da sie heute noch immer unverändert existieren. So gelangte die Kunde von dem wertvollen Stück in kürzester Zeit bis nach Amerika. Ein Fischspezialist in Chicago entlieh es aus unserer Sammlung, um es näher zu untersuchen.

Obaichthys decoratus (Wenz & Brito, 1992) GSUB V2251
Obaichthys decoratus (Wenz & Brito, 1992) GSUB V2251

Das Fischfossil kann der Art Obaichthys decoratus zugeordnet werden, die zuerst von Wenz & Brito (1992) beschrieben wurde. Das Fossil stammt aus der weltberühmten Santana-Formation in Brasilien und damit aus der frühen Kreide (Martill 1993, 2001). Fischspezialist Dr. Lance Grande, Paläontologe am Field Museum in Chicago, entlieh das Stück und bearbeitete es.
In der Geowissenschaftlichen Sammlung werden Fossilien aus der Santana-Formation Brasiliens aufbewahrt, die zwischen 1895 und der Jahrhundertwende für das damalige Städtische Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde in Bremen, angeschafft wurden. Ein Etikett mit der Aufschrift „Vom unteren Amazonenstrom (nähere Angaben bis jetzt noch nicht möglich)“ zeigt, dass aber auch gut 80 Jahre nach den ersten Erwähnungen dieser brasilianischen Fossilien in Europa nur wenig über sie bekannt war. Tatsächlich liegt der tatsächliche Fundort in Brasilien gut 1000 km südöstlich vom Unterlauf des „Amazonenstrom“, dem Amazonas, entfernt. Das macht diese Stücke wissenschaftshistorisch wertvoll.

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Knochenhechte sind urtümliche Knochenfische, die es auch heute noch in Flüssen Nord- und Mittelamerikas sowie Kubas gibt. Sie gelten als „lebende Fossilien“, da sie seit der Kreide bis heute mehr oder weniger unverändert überlebt haben. „Urtümlich“ sind sie, weil sie oft dicke Schmelzschuppen besitzen die man von modernen Knochenfischen nicht kennt. Die Wirbelsäule der Knochenhechte ist aber voll verknöchert – im Gegensatz z.B. zu den Haien und Rochen – die mit ihrem Knorpelskelett ein vergleichsweise primitives Skelett besitzen.
Knochenhechte unterscheiden sich von den fortschrittlicheren „echten“ Hechten durch dicke Schmelzschuppen aus einem Baumaterial das ähnlich hart wie Knochen ist – daher auch der Name – sowie eine anders geformte Schwanzflosse und die schnauzenartig verlängerten Kiefer. Wie „echte“ Hechte leben Knochenhechte als Stoßräuber in Flüssen und Seen.

Literatur:

  • Martill, D. M. (1993): Fossils of the Santana and Crato Formations, Brazil. – Field Guide to Fossils 5, The Palaeontological Association, London, 159.
  • Martill, D. M. (2001): The Santana Formation. – In: Briggs, D. E. G. & Crowther, P. R. (Hrsg.): Palaeobiology II, Oxford, Blackwell, 351-356.
  • Wenz, S. & Brito, P. M. (1992): Première découverte de Lepisosteidae (Pisces, Actinopterygii) dans le Crétacé Inférieur de la Chapada do Araripe (N-E du Brésil): consequences sur la phylogenie des Gynglymodi. – Comptes Rendus de l’Academie des Sciences 314: 1519-1525.