Höver

Am 19. Juli 2003 gingen wir im Rahmen des Bremer Ferienprogrammes auf Exkursion. Ziel war der Steinbruch von Höver bei Sehne nahe Hannover. Diese Veranstaltung ermöglichte Kindern und Jugendlichen Fossilien zu sammeln und diese dann während der folgenden zwei Wochenenden in der Geowissenschaftlichen Sammlung zu präparieren und zu bestimmen

Kinderferienprogramm 19.07.2003 Höver bei Hannover

Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem Kreissportbund Bremen und dem Marum durchgeführt. Wir verzeichneten deutlich mehr Anmeldungen als Plätze zur Verfügung standen. Erfreulicherweise fanden sich viele freiwillige Betreuer wie die erfahrenen Fossiliensammler Ludwig Kopp, Jürgen Reinhard und Peter Jörres vom Geowissenschaftlichen Arbeitskreis, die somit zum Gelingen des Geländetages beitrugen.

Funde
Herr Scharnhorst von der Firma Holcim führte uns nach einem Besuch der werkseigenen Sammlung im Foyer des Zementwerkes in den Steinbruch. Er gab Tips wo die besten Fundchancen bestehen, so daß die „Urzeitforscher“ rasch fündig wurden. Erste Funde waren Donnerkeile, also die fossilen Innenskelette von ausgestorbenen Tintenfischen, den Belemniten. Kurze Zeit später gesellten sich Seeigel dazu, die in Hannover zu den häufigsten Funden gehören. Neben dem halbkugeligen Echinocorys fanden sich auch Gehäuse des vergleichsweise selteneren Micraster. Letzterer wird
Micrasteraufgrund seines Umrisses auch als Herzseeigel bezeichnet. Ein Kind fand sogar den mehrere cm langen Stachel eines seltenen regulären Seeigels. Die Freude über den Fund war jedoch kurz, später verlor es ihn wieder. Den meisten Kindern waren solche Fehlschläge egal, es wurde bis zur Erschöpfung „weitergebuddelt“. Manche der Seeigelgehäuse wurden vor Jahrmillionen nicht mit Kalkschlamm ausgefüllt, so daß Hohlräume zurückblieben. Diese füllten sich im Laufe der Zeit mit den Mineralen Coelestin oder Calcit, gelegentlich offenbaren zerbrochene Seeigel daher eine funkelnde kleine Welt aus Kristallen. Zur Ausbeute gehörte auch ein kleinerer Ammonit der Gattung Pachydiscus. In der Steinbruchwand steckte die Hälfte eines riesigen Exemplares des gleichen Ammoniten, welchen wir jedoch aus Sicherheitsgründen dort beließen. Selbst zwei Wirbeltierfossilien wurden gefunden. Die Schuppe eines Knochenfisches war die eine Entdeckung, die andere das Fragment eines Haizahns den der Vater eines der Kinder fand.

Kinderferienprogramm 19.07.2003 Höver bei Hannover
Das Wetter spielte mit an diesem sonnigen und heißen Sommertag, bei strahlend-blauem Wetter begann die Suche im Steinbruch. Es war jedoch zu heiß, die Reflektion der Sonnenstrahlen an den hellen Steinbruchwänden tat ihr übriges, so daß die Versuchung groß war im Schatten der Steinbruchwände Schutz zu suchen. Auch wenn kein Wind weht ist die Gefahr von Steinschlag aber zu groß und trotz Helm ist der Aufenthalt an der Wand zu gefährlich. In der prallen Sonne gab es jedoch reichlich Wasser für alle und zudem war der von uns eingerichtete „Service Point“ unterm Sonnenschirm Anlaufstelle für geschwächte „Jungforscher“. Neben Getränken und Werkzeugen und Schutzhandschuhen stellten wir am Anlaufpunkt auch erste Hilfe und Informationen über Fossilien und den Hannoveraner Steinbruch bereit.

Kinderferienprogramm 19.07.2003 Höver bei Hannover

Kalkstein aus Kleinstlebewesen

Das Gestein geht auf die Ablagerung von Kalkschlamm in einem warmen Flachmeer zurück, das zur damaligen Zeit den größten Teil Norddeutschlands bedeckt. Der Kalkschlamm besteht aus den Hinterlassenschaften von Milliarden von Skeletten einzelliger Tiere und Pflanzen. Besonders die Ansammlung von Kalkkörperchen der mikroskopisch kleinen Coccolithophoriden und die Kalkgehäuse von Foraminiferen („Kammerlingen“) sind für die Bildung des Gesteins verantwortlich. Coccolithophoriden sind eine Gruppe niederer Algen, während Foraminiferen einzellige Tiere sind. Neben diesen Kleinstlebewesen, die wir als Mikrofossilien bezeichnen, besteht das Gestein natürlich auch aus den in feinste Partikel zerbrochenen Schalen größerer Meerestiere, wie beispielsweise Muscheln und Seeigel. Diese Erfahrung machten auch die Kinder- und Jugendliche unseres Ferienprogrammes, besonders von den Seeigeln wurden neben ganzen Gehäusen auch viele unvollständige Exemplare und kleine Fragmente gesammelt.

Geologisches Alter
12gDie Kalk- und Mergelsteine in der Region Hannover gehören in die Oberkreide, einem Abschnitt der Erdgeschichte der vor etwa 100 Millionen Jahren begann und vor etwa 65 Millionen Jahren endete – als die Dinosaurier ausstarben. Innerhalb der Oberkreidezeit läßt sich der Steinbruch von Höver in die Zeit des Untercampan einstufen. Das Gestein ist somit etwa 80 Millionen Jahre alt. Die einst horizontale Ebene des fossilen Meeresbodens wurde durch den Aufstieg von Salzstöcken im Untergrund schräg gestellt und durch Querbrüche stark zerrüttet. Man erkennt bei genauer Betrachtung der Steinbruchwände, daß die Schichtung schräg verläuft und das Gesteinspaket an Störungen – oft mehr oder weniger senkrecht zur Schichtung – in einzelne Abschnitte zerlegt wurde. Aus diesen Gründen ist das gesamte Profil von etwa 100 Profilmetern, das über einen Zeitraum von etwa in 3 Millionen Jahren abgelagert wurde, nicht an einem Stück aufgeschlossen.

Kalkabbau und Zementproduktion
Höver Grube Alemania 10.7.2003Der besuchte Steinbruch Höver gehört der Firma Holcim, früher als Alsen AG, bekannt. Hier wird bereits seit dem Jahr 1907 Kalk- und Mergelstein für die Zementherstellung in einer Abbautiefe bis zu 50 m abgebaut. Das gewonnene Kalkgestein ist ein Gemisch aus Kalziumkarbonat und Tonmineralen. Der Ton- und Chloritgehalt des Gesteins variiert innerhalb der einzelnen Schichten, da für die Zementherstellung jedoch homogene Werte wichtig sind wird an mehreren Stellen im Steinbruch Gestein gewonnen und gemischt. Nach dem Zerbrechen des Gesteins im Vorbrecher, auf weniger als 10 cm Korngröße, wird das Gestein auf mehr als 2 km langen Förderbändern zum Werk transportiert. Dort wird es fein zermahlen und in riesigen Drehöfen gebrannt. Dem Brennprozeß werden übrigens auch alte Autoreifen und gelbe Säcke aus dem dualen System beigemengt. Ein ausgeklügeltes Filtersystem sorgt dafür, daß die Umwelt nicht mit Giftstoffen belastet wird. Die Zementherstellung war jedoch nicht Thema des Bremer Ferienprogrammes. Die Bilder stammen deshalb von einer Werksbesichtigung im Rahmen der Lehrerfortbildung der Bremer Sommeruniversität im Juli 2003.

Höver Grube Alemania 10.7.2003

Präparation der Höver-Fossilien

Kinderferienprogramm 26.7.2003 Fossilien präparierenDas Sammeln allein macht aus einem kleinen Paläontologen noch keinen Forscher und so schlossen sich in der Geowissenschaftlichen Sammlung der Universität am 26. Juli und 2. August die Termine zur weiteren Bearbeitung der gesammelten Funde an. Das Kalk- bzw. Kalkmergelgestein von Höver ist leicht zu bearbeiten. Die Präparation der Funde begann mit der Reinigung des Rohmaterials. Waschen und Bürsten löste anhaftenden Mergelschlamm. Besonders hartnäckige Gesteinsreste wurden dann mit Hammer und Meißel sowie kleinen Stahlnadeln und Kratzern entfernt. Wie die Feinpräparation vor sich geht zeigte Präparator Martin Krogmann im Labor der Geowissenschaftlichen Sammlung. Belemniten lassen sich durch druckluftbetriebene Meißel aus dem Gestein lösen, was sich im Fall der Seeigel ebenfalls für gröbere anhaftende Gesteinsreste anbietet. Gerade bei letzteren ist die Oberfläche jedoch verkrustet. Durch den Einsatz von Sandstrahlgeräten werden diese feinen Beläge dann schonend entfernt.

Fossilien als Lebewesen
Die wissenschaftliche Herangehensweise an Fossilien vermittelte Dr. Jens Lehmann z.B. mit der Analyse von Seeigelgehäusen. Fragen wie die folgenden standen im Mittelpunkt: Wo sind denn die Stacheln des fossilen Seeigels geblieben? Wieso sind Seeigel zweiseitig-symmetrisch – wie es zum Beispiel auch der Mensch ist? Was sind die flachen Scheiben, Röhren und Löcher und Riefen, die auf den Seeigelgehäusen erkennbar sind? Es wurde ein Bild vom Leben der Seeigel eingegraben im Schlamm des Meeresbodens entworfen. Die Seeigel graben durch den weichen Kalkschlamm und ernähren sich vom Fressen des Schlammes aus dem sie Nahrungspartikel herausziehen. Gelegentlich werden sie Opfer von Attacken anderer Tiere, z.B. von Fischen welche die Gehäuse aufknacken. Nach dem Tod der Tiere durch einen Räuber oder auf natürliche Weise lösen sich die winzigen Stacheln der Hannoveraner Seeigel rasch von der Kalkschale. Dieses ermöglichte vielen Tieren auf festem Untergrund zu siedeln, die im weichen Kalkschlamm keine Überlebenschance gehabt hätten. Dazu gehören Röhrenwürmer, kleine Austern und Korallen. Gelegentlich werden die leeren Seeigelkapseln auch vom Schwamm Clionia angebohrt, was aus runden Löchern in den Gehäusen geschlossen werden kann.10g

Weiterführende Informationen
Fossilien aus der Grube von Höver werden in der Geowissenschaftlichen Sammlung aufbewahrt, sind jedoch nur im Rahmen von Führungen, Sonderausstellungen oder Kursen der Öffentlichkeit zugänglich. Wer Fossilien aus dem Campan von Hannover sehen möchte, kann das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover am Maschsee besuchen, daß Großammoniten und andere schöne Exponate des Fundortes zeigt. Wer mehr über Höver und seine Fossilien wissen möchte sei außerdem auf die folgende Auswahl aus der Fülle der Literatur zum Thema verwiesen. Der Schwerpunkt dieser Literaturliste liegt auf der Region Hannover und speziell den Fossilien aus Höver. Allgemeine sowie allgemeinverständliche Literatur ist mit einem (A) am Ende des Zitates gekennzeichnet.

    • Ernst, G. (1972): Grundfragen der Stammesgeschichte bei irregulären Echiniden der nordwesteuropäischen Oberkreide. – Geologisches Jahrbuch 4: 63-175.
    • Ernst, G. (1975): Stratigraphie, Fauna und Sedimentologie der Oberkreide von Misburg und Höver bei Hannover (Exkursionsführer). – Mitteilungen aus dem Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Hamburg 44: 69-97.
    • Frerichs, U. (1989): Die Micraster aus dem Campan von Misburg und Höver.- Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 17: 151-167.
    • Frerichs, U. (1989): Erdöl in einem Seeigel aus Höver. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 18: 138-139.
    • Frerichs, U. (1994): Betrachtungen zu Coeloptychium aus dem Campan von Hannover. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 22: 1-20.
    • Frerichs, U. (1994): Elasmosaurus sp. aus dem Untercampan von Höver – eine Funddokumentation. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 22: 33-42.
    • Frerichs, U. (1995): Die kleinen irregulären Seeigel aus dem Untercampan von Höver und Miesburg. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 23: 1-19.
    • Frerichs, U. & Frerichs, K. (1978): Ein Saurierfund aus der Oberkreide von Höver. -Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 6: 12-16.
    • Frerichs , U. (Hrsg., 2005): Fossilien aus dem Campan von Hannover. – Arbeitskreis Paläontologie Hannover, Schäfer Druckerei, Hannover: 94. (A)
    • Helm, C. (1997): Seesterne (Asteroidea) aus dem Campan von Hannover (Misburg, Höver). – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 25: 93-119.
    • Helm, C. (1998): „Knopfkorallen“ aus Mitteleuropa und ihre Lebensweise. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 26: 33-46.
    • Helm, C. (1999): Onchotrochus minimus (Bölsche) – eine scolecoide, an Weichböden angepasste Koralle (boreale Oberkreide). – Mitteilungen aus dem Geologisch-Paläontologischen Institut der Universität Hamburg 83: 191-202.
    • Helm, C., Jagt, J. W. M. & Kutscher, M. (1999): Early Campanian ophiuroids from the Hannover area (Lower Saxony, Northern Germany). – Berliner Geowissenschaftliche Abhandlungen 30: 161-173.
    • Hungerbühler, A. (1992): Fossilien: Versteinerungen von Tieren und Pflanzen. Stuttgart, Kosmos (Franckh-Kosmos): 97. (A)
    • Jagt, J. W. M. (1988): Boletechinus (Echinoides, Zeuglopleuridae) im Untercampan von Hannover. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 16: 14-16.
    • König, W. (1990): Brachiopoden aus dem Campan von Höver und Misburg.“ Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 18: 118-121.
    • König, W. (1990): Muscheln aus dem Campan von Höver und Misburg. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 18: 49-55.
    • König, W. (1991): Die Schwämme des Campans von Misburg und Höver. – Aufschluss 42: 65-82.
    • König, W. (1991): Die Schwämme des Campans von Misburg und Höver, III. Teil. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 22: 21-23.
    • König, W. (1991): Octokorallen-Basen aus dem Campanium von Misburg und Höver. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 19(6): 153-176.
    • Krüger, F. J. (1980): Die Kreidegrube Höver, ein Fenster zum Untercampan. – Mineralien-Magazin 4: 198-204. (A)
    • Krüger, F. J. (1983): Geologie und Paläontologie: Niedersachsen zwischen Harz und Heide. – Kosmos, Stuttgart: 244. (A)
    • Krüger, F. J. (1995): Leere oberkretazische Echiniden-Coronen als Habitat benthonischer Organismen. – Berliner Geowissenschaftliche Abhandlungen 16: 79-89.
    • Krüger, F. J. (1995): Zwangshabitate von Mollusken in leeren Seeigel-Coronen aus dem Campan von Höver und Misburg. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 23: 31-40.
    • Krüger, F. J. (2001): Das Campan von Höver. – In Weidert, W.-K. (Hrsg.): Klassische Fundstellen der Paläontologie – Band IV. Korb, Goldschneck-Verlag: 152-164. (A)
    • Mutterlose, J., Wood, C. J. & Ernst, G. (1998): The Lower and Upper Cretaceous of the Hannover-Braunschweig area (NW-Germany). C 1. Introduction. – In Mutterlose, J.; Bornemann, A.; Rauer, S.; Spaeth, C. & Wood, C. J. (Hrsg.): Key localities of the northwest European Cretaceous. – Bochumer Geologische und Geotechnische Arbeiten 48: 39-51.
    • Schormann, J. (1988): Schnecken aus dem Campan von Hannover. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 16: 84-92.
    • Schormann, J. & Zawischda, D. (1990): Sekundäre Hartböden – fossil überliefert. – Arbeits-Kreis Paläontologie Hannover 18: 20-23.
    • Stanley, S. M. (1994): Historische Geologie. Eine Einführung in die Geschichte der Erde und des Lebens. – Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg: 636. (A)
    • Stratigraphische Kommission Deutschland (Hrsg., 2000): Die Kreide der Bundesrepublik Deutschland. – Courier Forschungsinstitut Senckenberg. Frankfurt 226: 207.